Looksmaxing
Aktualisiert: vor 1 Tag
Was ist Looksmaxing?
Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern "Looks" (Aussehen) und "Maxxing" (von maximieren) zusammen. Gemeint ist, das eigene Aussehen so weit wie möglich zu optimieren. Nicht ein bisschen fitter werden oder besser schlafen, sondern das Äussere systematisch, fast wissenschaftlich, auf ein bestimmtes Ideal hin formen.
Looksmaxing kommt ursprünglich aus obskuren Internet-Foren aus dem Umfeld der sogenannten Incel-Szene, also Männern die glauben, dass ihr Aussehen der einzige Faktor ist, der über Erfolg bei Frauen, soziale Anerkennung und Lebensglück entscheidet. Inzwischen hat sich der Begriff weit über diese Randgruppe hinaus verbreitet. Auf TikTok, Instagram, YouTube ist Looksmaxing ein Massenphänomen mit Millionen von Videos, eigenen Fachbegriffen und einer aktiven Community.
Was dabei viele Eltern nicht wissen: Ihr Kind kennt diesen Begriff wahrscheinlich bereits. Oder hat zumindest schon mal ein Video dazu gesehen.
Typisches Looksmaxxing Video welches aufzeigen soll wie stark man sich verändern kann durch Looksmaxxing.
In diesem Kurzvideo bekommt man Tipps wie man richtig Looksmaxxen kann.
In diesem Kurzvideo wird mit einem Vorher/Nachher Vergleich gezeigt wie Looksmaxxing das Aussehen verändert.
Was kann man sich genauer darunter vorstellen?
Softmaxing – der harmlose Einstieg
Die meisten Jugendlichen stossen über harmlose Inhalte auf das Thema. Hautpflege-Routinen, Haarschnitt-Tipps, Ernährungsratschläge, Fitness-Übungen. In der Looksmaxing-Szene nennt man das Softmaxing: die mildere Form der Selbstoptimierung.
Dazu gehört auch Mewing, eine Technik, bei der man die Zunge dauerhaft gegen den Gaumen presst. Die Theorie dahinter: Das soll den Kiefer formen und die Gesichtszüge markanter machen. Wissenschaftlich ist das nicht belegt, aber Millionen von Videos erklären es als geheimen "Life Hack" und gerade bei jüngeren Teenagern ist Mewing ein riesiges Thema.
Das Tückische am Softmaxing: Es gibt einem das Gefühl, etwas gutes für sich selber zu tun. Der Algorithmus zeigt immer mehr davon und ganz langsam taucht man tiefer in die Szene ein, ohne es zu merken.

Hardmaxing – wenn es gefährlich wird
Wer länger in der Szene ist, stösst früher oder später auf Hardmaxing. Und hier hört es auf mit den harmlosen Selbstoptimierungstipps.
Hardmaxing fordert folgende Dinge:
Bone Smashing: sich mit einem Hammer, einem Stein oder einem anderen harten Gegenstand ins Gesicht schlagen, in der Hoffnung, dass die Knochen "stärker und markanter" nachwachsen.
Extreme Diäten: teilweise mit dem Ziel, unter 10 % Körperfett zu fallen, um Gesichtsknochen sichtbarer zu machen.
Anabolika und Hormone: Jugendliche nehmen teils unkontrolliert Testosteron oder Steroide ein, die sie online bestellen.
Schönheitsoperationen: Kinnimplantate, Nasen-OPs, Haartransplantationen, in extremen Fällen sogar Beinverlängerungen.
Medikamente und Substanzen: von harmlosen Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu rezeptpflichtigen oder illegalen Mitteln.
Was diese Inhalte besonders problematisch macht ist, dass sie verpackt werden wie normale Ratschläge. Sachliche Erklärungen, "Vorher-Nachher"-Vergleiche. Wer nicht weiss, was dahintersteckt, könnte denken, das es medizinisch fundierte Inhalte sind.
Wichtige Begriffe der Community
Looksmaxing hat eine eigene Sprache entwickelt und die klingt harmlos genug, um unter dem Radar zu fliegen. Hier die wichtigsten Begriffe:
Mogging: jemanden "übertrumpfen" durch überlegenes Aussehen. Wenn zwei Personen nebeneinanderstehen und eine deutlich attraktiver wirkt, "moggt" sie die andere.
Ascending: der eigene Aufstieg in der Attraktivitätshierarchie durch Looksmaxing.
Looksmaxxer: jemand, der aktiv Looksmaxing betreibt.
PSL-Score: eine Art Attraktivitätsbewertung nach einem pseudo-wissenschaftlichen System. Jugendliche bewerten sich dabei gegenseitig mit Zahlen.
Blackpill: die radikale Überzeugung, dass Aussehen alles ist und sich nichts daran ändern lässt. Wer die "Blackpill" schluckt, glaubt, genetisch zum Scheitern verurteilt zu sein, ein Gedanke, der direkt in Aussichtslosigkeit und Isolation führen kann.
Hunter Eyes / Canthal Tilt: spezifische Augenform, die in der Szene als besonders attraktiv gilt.
Jawline / Jawmaxing: Obsession mit einer markanten Kieferpartie.
Clavicular: Das Gesicht des Trends

Clavicular, bürgerlich Braden Peters, 20 Jahre alt, aus New Jersey.
Peters begann mit Looksmaxing bereits mit 14 Jahren. Damals, nach eigenen Angaben, bestellte er Testosteron online und experimentierte mit verschiedenen Substanzen. Mit 15 flog er von der Universität, weil Steroide in seinem Zimmer gefunden wurden. Danach machte er Looksmaxing zu seinem Vollzeitberuf.
Sein Pseudonym "Clavicular" bezieht sich auf die Klavikula, das Schlüsselbein. Ein breites, prominentes Schlüsselbein gilt in der Szene als Zeichen von Männlichkeit und körperlicher Überlegenheit.
Peters postete Videos, in denen er das Aussehen anderer Menschen bewertet, erklärt wie man "moggt" und für immer extremere Methoden wirbt. Laut der New York Times verdient er rund 100'000 Dollar pro Monat allein über Streaming-Plattformen. Bis zu 15'000 Menschen schauen gleichzeitig zu.
Was Peters verbreitet, ist nicht einfach Selbstpflege. Er hat öffentlich zugegeben, Meth zu rauchen um seinen Appetit zu unterdrücken, sich das Gesicht mit einem Hammer zu schlagen, und nicht für Menschen zugelassene Steroide zu nehmen. Er hält sich dabei nicht für einen Extremisten, sondern für einen "Experten für männliche Ästhetik".
Im April 2026 kollabierte Peters während eines Livestreams in einem Einkaufszentrum in Miami. Tausende Zuschauer sahen live zu, wie er bewusstlos wurde. Die Feuerwehr sprach von einem vermuteten Drogennotfall. Er überlebte. Wenige Wochen später wurde er in Florida wegen eines Körperverletzungsvorwurfs verhaftet.
Sein YouTube-Kanal wurde im November 2025 gesperrt, wegen Verstoss gegen die Nutzungsbedingungen.
Trotzdem: Auf TikTok und Instagram hat er weiterhin über eine Million Follower. Und sein Einfluss geht weit über seine eigene Reichweite hinaus. Begriffe, Ideen und Methoden, die er verbreitet hat, sind in der Szene fest verankert.
Warum sollten Eltern sich damit genauer auseinandersetzen?
Looksmaxing trifft auf eine Zielgruppe, die für genau solche Botschaften empfänglich ist: Jugendliche, die unsicher sind, was ihr Körper und ihr Aussehen betrifft.
Looksmaxing gibt diesen Unsicherheiten eine Struktur, eine Community, eine Sprache und verspricht Kontrolle. Man kann das ändern, wenn man nur hart genug arbeitet.
Das Problem: Das System funktioniert nach Vergleich und Abwertung. Wer sich lange genug damit beschäftigt, beginnt, das eigene Gesicht in Messwerte aufzuteilen, sich mit Zahlen zu bewerten und das Aussehen anderer zu analysieren. Es entsteht ein erhöhts Risiko für Körperdysmorphie, Essstörungen und Depressionen.
Und es gibt eine weitere Ebene, die weniger offensichtlich ist: Looksmaxing verbreitet sich im gleichen Netzwerk wie die Manosphere/Incel Community, einem Ökosystem aus misogynistischen, zum Teil radikalen Inhalten, die Frauen abwerten und ein toxisches Männlichkeitsbild propagieren. Der Weg von harmlosen Mewing-Videos zu extremen Weltanschauungen kann für Jugendliche erschreckend kurz sein, dank Algorithmen, die immer extremere Inhalte vorschlagen.
Wie kann man damit umgehen?
Offen fragen, nicht verbieten
"Hast du schon einmal ein Video über Looksmaxing gesehen?" ist ein besserer Einstieg als eine Kritik. Wichtig ist, echtes Interesse daran zu zeigen, was das Kind sieht ohne sofort zu urteilen. Jugendliche reden eher, wenn sie das Gefühl haben, nicht sofort verurteilt zu werden.
Auf Warnsignale achten
Besorgniserregend ist, wenn:
das Kind beginnt, das eigene Aussehen obsessiv zu kommentieren oder abzuwerten
es beginnt, das Aussehen anderer systematisch zu bewerten
es Begriffe wie "Blackpill", "mogging" oder "PSL-Score" verwendet
es sich für Substanzen, Nahrungsergänzungsmittel oder Eingriffe interessiert
Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch läuft. Aber es ist ein Zeichen, genauer hinzuschauen und das Gespräch zu suchen.
Professionelle Hilfe zuziehen
Wenn ein Kind beginnt, das eigene Aussehen als das zentrale Problem seines Lebens zu sehen, kann eine Fachperson, Schulpsychologe, Jugendberatung, Therapeutin teilweise mehr helfen als ein Elternteil allein.

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